21.07.2021: Sehr geehrter Herr Chmelik, welchen Aufgaben widmet sich der at – automotive thüringen e.V.?

Das Netzwerk und Innovationscluster automotive thüringen (at) ist der Ansprechpartner für die automobile Zulieferindustrie im Freistaat. Als Bindeglied zwischen Politik und Wirtschaft ebnen wir neue Wege für die 100 Mitgliedsunternehmen mit 30.000 Beschäftigten, erarbeiten zugeschnittene Weiterbildungsangebote und treiben gezielte Innovationen voran.

Um die Schlagkraft als Sprachrohr und Dienstleister der Thüringer Automobilzulieferindustrie zu erhöhen, soll die Mitgliederbasis erweitert werden. Nicht nur numerisch, sondern auch branchen- und regionalübergreifend. Um dies realisieren zu können, wollen wir unsere Attraktivität und den Nutzen für die Mitglieder weiter erhöhen. Bislang verzeichnen wir bereits zahlreiche und gut besuchte Veranstaltungsformate – von Workshops bis zum jährlichen Branchentag. Wir wollen dies durch neue Dialogformate und zusätzliche Serviceleistungen künftig weiter ausbauen sowie regelmäßig fokussierte Informationsmaterialien und Analysen bereitstellen.

Rico Chmelik, Geschäftsführer des at – automotive thüringen e.V.,
Foto: Mario Hochhaus

Mit welchen Themenfeldern beschäftigt sich der at derzeit in Anbetracht der Veränderungen durch die Corona-Pandemie?

Unsere Aufgabe ist es, mit den Unwägbarkeiten zwischen Strukturwandel und Coronapandemie umzugehen und Lösungen für unsere Mitglieder zu erarbeiten. Das ist unser tägliches Brot. Enge Branchengrenzen verschwinden zunehmend. Wir brauchen daher eine neue Offenheit für neue Themen, Technologien und Akteure, die die Branche verändern.

Der at wird sich daher künftig verstärkt in Projekte zu neuen Themenfeldern einbringen und den Dialog zwischen den beteiligten Akteuren fördern und vermitteln.
Zudem kooperieren wir branchenübergreifend mit anderen Thüringer Netzwerken, unter anderem mit dem Photoniknetzwerk OptoNet am Standort Jena und dem Kunststoffnetzwerk PolymerMat in Ilmenau.

Zur neuen Offenheit gehört auch der Blick über die Landesgrenzen hinaus. Der at wird die überregionale Kooperation mit anderen Netzwerken verstärken. Mit dem Automobilzuliefernetzwerk in Sachsen (AMZ) und unserem oberfränkischen Nachbarn (OfraCar) wird die bereits bestehende gute Zusammenarbeit weiter intensiviert. Alle Aktivitäten haben zum Ziel, den Nutzen und die Attraktivität von automotive thüringen für die Unternehmen der Region zu erhöhen.

Bild von Goran Horvat auf Pixabay

Die Corona-Krise hat die gesamte Wirtschaft und somit auch die Automobilbranche getroffen. Wie würden Sie die Auswirkungen bisher beschreiben?

Seit Mitte März 2020 hat sich die Welt verändert, auch unsere Automobil-Welt. Dies belastet den ohnehin herausfordernden Strukturwandel zusätzlich, der sich erkennbar in der Krise sogar noch beschleunigt. Auch die Thüringer Zulieferindustrie bekommt dies deutlich zu spüren.

Umso wichtiger ist es uns, in aktuellen Branchenmonitorings diese Stimmungslage bei den Thüringer Zulieferunternehmen zu erfassen. In unserer Frühjahrsumfrage haben wir zudem erneut 190 Zulieferunternehmen mit insgesamt 55.000 Beschäftigten zur aktuellen Lage in der Thüringer Automobilindustrie befragt. Neben den Geschäftserwartungen im Jahr 2021 wurden Einschätzungen zur Elektromobilität und Personalverfügbarkeit abgefragt. Die Ergebnisse zeigen einen verhaltenen Optimismus. Mehr als 60 % der Unternehmen benötigen keine Kurzarbeit mehr. 

Ebenfalls 80 % der Betriebe erwarten, dass ihre Beschäftigtenzahlen konstant bleiben oder sich sogar erhöhen werden.

Und wie schon in unseren letzten Umfragen bestätigen 72 % der Unternehmen Aufträge für die Produktion von Elektrofahrzeugen. Diese Umsatzkomponente ist von hoher Bedeutung, da Fahrzeuge mit konventionellen Antrieben mit eher rückläufigen Stückzahlen verbunden sind, während die Elektromobilität boomt. 65 % der Unternehmen gehen davon aus, dass dieses Jahr weitere Umsatzsteigerungen durch Elektrofahrzeuge zu erwarten sind.

Gibt es Ihrer Meinung nach Schlussfolgerungen für die Zukunft, die die Branche unbedingt ziehen sollte?

Die Trendwende zur Elektromobilität hat begonnen. Alle Zulieferer sind aufgefordert sich mit dem Thema intensiv auseinander zu setzen und dies nicht zu unterschätzen. Die Tiefenanalyse zur Thüringer Zulieferindustrie, die das Chemnitz Automotive Institute (CATI) gemeinsam mit dem Netzwerk automotive thüringen erarbeitet hat, hat zudem ergeben, dass in den Sektoren Interieur und Elektrik, Elektronik ein unglaubliches Wachstumspotenzial liegt. Deshalb wollen wir darauf in Zukunft mit unseren Innovationsprojekten noch mehr den Fokus darauflegen. Zu den Wachstumsfeldern Autonomes Fahren und Nutzfahrzeuge haben wir Expertisen im April und Mai veröffentlicht. Wir sehen gute Chancen für Lieferanten mit Leichtbau-, Interieur- und Elektronik-Kompetenz, sich neue Geschäftsfelder im Segment der leichten Nutzfahrzeuge zu erschließen. Auch für die Aufbauhersteller, die in der Wertschöpfungskette für leichte Nutzfahrzeuge eine wichtige Rolle spielen, entstehen neue Anforderungen. Und auch neue Anbieter mit entsprechenden Leistungsprofilen haben gute Aussichten. Im Bereich des autonomes Fahrens erwarten wir erhebliches Wachstum in der optoelektronischen und sensorischen Technologie. Wir werden uns als automotive thüringen darum kümmern, diese Potentiale für die Region weiter zu konkretisieren.

In der Studie „Elektromobilität trotz der Automobilkrise Entwicklungen in Europa 2020 – 2025“ des Chemnitz Automotive Institute (CATI) in Zusammenarbeit mit den Netzwerken Automobilzulieferer Sachsen (AMZ) und dem at wird von einem „Elektroboom mit angezogener Handbremse“ gesprochen. Können Sie dies bitte erläutern?  

Die sehr detaillierte Studie, die seit Anfang September 2020 vorliegt, zeigt erkennbar, dass voll-elektrische Fahrzeuge mit hohen Zuwachsraten zunehmend an Bedeutung gewinnen. Im Jahr 2020 – einem Jahr mit immensen Absatzrückgängen – hatten wir bei voll-elektrischen PKW europaweit eine Zunahme um 125 % gegenüber dem Vorjahr; dies allerdings immer noch auf einem vergleichsweise geringen Ausgangsniveau. Die Prognose für das laufende Jahr 2021 heißt, dass sich dieses Wachstum weiter fortsetzen wird. Corona hat diesen Trend noch beschleunigt, da sich die Unternehmen angesichts begrenzter finanzieller Ressourcen jetzt auf die Zukunftsthemen fokussieren müssen. Ergänzend müssen jetzt auch beschleunigt Infrastrukturen verbessert werden, weitere steuerliche Anreize geschaffen und der Ladestrom verbilligt werden.              

In welchem Segment ist die Nachfrage derzeit höher bei Plug-in Hybrid-Fahrzeugen (PHEV) oder vollelektrisierten Fahrzeugen (BEV)?  

2020 hat das doch recht überraschende Ergebnis gezeigt, dass die Nachfrage in Europa bei PHEV überdurchschnittlich hoch ist. Dieses Wachstum ist jedoch auf einige wenige Länder konzentriert, allen voran auf Deutschland, das bei der Förderung von PHEV ‚Europameister‘ ist. 

Wie sieht der Trend in den kommenden Jahren für diese „Übergangstechnologie“ in Deutschland aus?  

Bezogen auf das Antriebsportfolio in der Elektromobilität modifizieren viele Automobilhersteller bisherige Strategien und öffnen sich in unterschiedlichen Ausprägungen dem Mix aus BEV- und PHEV-Modellen. Die rasche Ausweitung des Modellangebots an PHEV wird nach Einschätzung der Studie nach 2025 sukzessive abebben und voll-elektrischen Fahrzeugen Platz machen. 

Übereinstimmend keine Großserien-Perspektive in diesem Jahrzehnt sehen sie laut Studie für Brennstoff-zellen-Fahrzeuge im Pkw-Bereich. Ausnahmen sind Toyota und insbesondere Hyundai. Diese Entwicklungen sind ein Hinweis darauf, dass die fortbestehenden Marktunsicherheiten bezüglich künftiger Antriebstechnologien die Automobilhersteller immer mehr zu einer Diversifikation ihrer Antriebsstrategien veranlassen.

Zur EAST 2020 wollten Sie Ausblick über Standortentwicklungen und Produktionsvolumina in Europa bis 2025 geben. Wie wird die Entwicklung bis dahin verlaufen?

Die Recherchen und Auswertungen unternehmensbezogener Daten durch CATI ergaben, dass 2019 in Europa 276.500 vollelektrische Pkw an 17 Standorten in acht Ländern – darunter sechs in Deutschland – produziert wurden. Bereits bis 2022 ist laut Studie eine Verdopplung der BEV-Produktionswerke auf über 35 Standorte in mindestens elf europäischen Ländern und mehr als eine Vervierfachung der dort produzierten Elektroautos im Vergleich zu 2019 zu erwarten. Für 2022 prognostiziert die Studie eine Produktion von 1,2 Millionen vollelektrischer Fahrzeuge in Europa, für 2025 über zwei Millionen Einheiten.

Welcher Fahrzeug-Antrieb hat Ihrer Meinung nach die größten Zukunftserfolgschancen um die angestrebten Klimaziele zu erreichen aber gleichzeitig auch die Bedürfnisse der Fahrzeugnutzer – Stichwort Reichweite – zu erfüllen? 

Bezogen auf den mechanischen Antrieb bedeutet die Trendwende zur Elektromobilität nicht eine Ablösung des Verbrennungsmotors in den nächsten 10 bis 15 Jahren. Diese Trendwende wird zunächst überwiegend von der ‚Elektrifizierung‘ der Verbrennungsmotoren getrieben, und mit ansteigenden Stückzahlen auch durch vollelektrische Fahrzeuge. Diese Ko-Existenz unterschiedlicher Antriebstechnologien, zu der künftig auch die Brennstoffzellentechnologie gehören wird, wird bei zunehmender Angebotsvielfalt auch über 2030 hinaus den Motorenmix von Automobilen bestimmen.

Seit 2020 führt die Elektromobilität zu einem neuen Volumenmarkt für elektrische und elektrifizierte Fahrzeuge. Damit verbunden sind erhebliche Wertschöpfungszuwächse bei Elektromotoren, der Leistungselektronik und Batteriesystemen. Dies führt jedoch aufgrund der Wachstumsdynamik der Weltautomobilindustrie im nächsten Jahrzehnt zu keinen nennenswerten Rückgängen bei Verbrennungsmotoren. Wesentliche Impulse für die Trendwende zur Elektromobilität entspringen regulativen Auflagen. Letztlich ist aber der Kunde davon zu überzeugen, dass sich die bisherigen Eintrittsbarrieren – Preis und Reichweite – bei Elektroautos abbauen.

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