18.08.2021: Am 26. August ab 18 Uhr findet das Innovationsforum BioWasserstoff + BioKonversion Mitteldeutschland (digital) „Biokonversion in Mitteldeutschland – zentraler Baustein für eine postfossile, biobasierte Wirtschaft“ statt. Im Mittelpunkt steht das durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Innovationsforum BioH2BK Mitteldeutschland. Experten diskutieren Chancen sowie Perspektiven und zeigen praktische Beispiele auf. Eine Expertin ist Ina Stevens, EBISUblue – Büro internationale Ingenieurdienstleistungen. Zum Innovationsforum BioH2BK Mitteldeutschland  wird sie mit ihrer internationalen Wasserstoffexpertise die Diskussion mitgestalten.
Aktuelles hat dies zum Anlass genommen, um mit Ina Stevens über EBISUblue, Nachhaltigkeit, Wasserstoff und die Studie „Biokonversion in Mitteldeutschland – zentraler Baustein für eine postfossile, biobasierte Wirtschaft“ zu sprechen.

Ina Stevens, EBISUblue – Büro internationale Ingenieurdienstleistungen
im Podium des 17. MDEG, Fotos: Barbara Neumann, unter: www.foto-thueringen.de

Sehr geehrte Frau Stevens, Sie sind Diplom-Ingenieurin Maschinenbau und Inhaberin von EBISUblue – Büro für internationale Ingenieurdienstleistungen.
Wofür steht EBISUblue?
In welchen Themenbereichen sind Sie tätig?
Welche Leistungen bieten Sie ihren Kunden an?  

Ebisu ist einer der japanischen 7 Glücksgötter – und unter anderem für die Gewerbetreibenden „zuständig“. EBISU steht aber auch als Abkürzung für „Energie Beratung Ina Stevens & Umwelt“ – das „blue“ für „blue economy“, das heißt Kreislaufwirtschaft.

EBISUblue ist nicht nur in den Bereichen industrielle Energie-Effizienz (ISO 50001), dezentrale Energieversorgung, Energiewende & Sektor-Kopplung 2.0 aktiv, sondern seit 2017 verstärkt in Wasserstoff-Technologien und Klimaschutz. Das Leistungsspektrum erstreckt sich dabei von Beratung und Research hin zu internationalem & interdisziplinärem Technologietransfer.

Warum beschäftigen Sie sich mit Fragen der Energiewirtschaft?

Zum einen ist mir jede Verschwendung zuwider, weil dabei einfach unnötig Geld verpulvert wird, was anderswo dann fehlt.

Zum anderen kann Deutschland als Industrie- und Exportnation nur überleben, wenn wir das Problem „Energie“ nachhaltig in den Griff bekommen.

Mein großes Vorbild ist da weiterhin Dänemark, das seit 2008 eine sogenannte „Energie-Absprache“ hat, was quasi ein „Stillhalte-Abkommen“ der regierenden Parteien ist: Energiefragen werden seit 2008 nur von Fachleuten geregelt und aus dem üblichen Parteien-Gezänk herausgehalten. So etwas wünsche ich mir für Deutschland auch!

Aus Ihrem Lebenslauf geht hervor, dass Sie längere Zeit in Japan und Australien waren.
Wie ist die Energiewirtschaft dort im Vergleich zu Deutschland aufgestellt?
Welchen Wert haben Klimaschutz und Nachhaltigkeit?

Global ist da wohl jede Gesellschaft gespalten – aber sie ändert sich auch. Das sind zum einen die „Aktivisten“, die schon mit dem Gedanken Umwelt- & Klimaschutz aufgewachsen sind. Das sind aber auch breite Teile der Bevölkerung, die einer Beschäftigung nachgehen, die Umweltschäden verursacht – wenn auch oft weit vom „eigenen“ Job entfernt. Solange die Kasse stimmt, ist quasi alles ok.

Am deutlichsten zeigt sich das eventuell in Australien: Der australische Staatshaushalt finanziert sich seit Jahren vorwiegend vom Eisenerz- und Kohle-Export. Auch in Australien weiß man, dass Kohle ein Auslaufmodell ist, somit müssen andere Einnahmequellen gefunden werden. Und plötzlich überbieten sich die australischen Bundesstaaten, wer im Land der „Wasserstoff-Exporteur Nr. 1“ wird. Kurz: in einem Land, das Sonne und Wind im Überfluss hat – aber wo sich eigentlich niemand für erneuerbare Energien interessiert hat, weil einfach genug super-kostengünstige Kohle vorhanden war – erkennt man plötzlich die Möglichkeit, statt mit Kohle mit „sauberer“ Energie sein Geld zu verdienen. 

Japan sieht sich eher als technische „Anwendernation“.
Interessant ist zum einen in Japan, dass die „alte“ Schwerindustrie immer noch dem Gedanken nachhängt, 20-24% Atomstrom im Jahr 2030 zu verwenden, wogegen die Elektronik- und IT-Branche Neuerungen, wie erneuerbare Energien, PPAs und andere neue Marktmodelle einfach ausprobiert.
Zum anderen ist Japan sowohl im Flüssig-Wasserstoff-Transport per Schiff sehr engagiert und im Brennstoffzellen-PKW und Bus Bereich weiterhin aktiv, während man in Deutschland zwar solche Fahrzeuge staatlich fördert, die deutsche Automobil-Industrie jedoch nicht die Notwendigkeit sieht, diese auch zu produzieren.

Hier wünsche ich mir von Deutschland, weniger in „Glaubenskriegen“ zu verharren, sondern mehr Ärmel hochkrempeln und einfach ausprobieren – und dabei auch den Mut zu haben, bislang undenkbare Allianzen einzugehen. 

Seit 2017 sind Sie stärker im Themenbereich Wasserstoff aktiv. Wie kam es hierzu? Warum haben Sie ihren Fokus auf Wasserstoff gelegt?

2017 habe ich an der Uni Kassel ein Startup beraten, das Wasserstoff aus Biomasse „evtl. in Japan“ erzeugen wollte. Während das Startup zu meinem Bedauern dann aufgegeben hat, lies mich das Thema nicht mehr los, weil ich unter anderem damals schon die Verbindung zu Biochar (Biokohle) als Kohlenstoff-Einbringung in Böden gesehen habe, quasi als „natürliche Kohlenstoff-Senke“. 

Wasserstoff wird unter anderem als „Allrounder“, „Zukunfts-Treibstoff“ und „Schlüssel zur nachhaltigen Wertschöpfung“ bezeichnet. Würden Sie diese Beschreibungen auch verwenden, sprich die allgemeine Euphorie teilen?

Ich sehe das aktuell etwas zwiespältig. Ja, Wasserstoff ist aktuell wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, unsere wesentlichen Industriezweige, das heißt Energie-, Chemie- & Stahl-Industrie- bis 2050 – beziehungsweise möglichst früher – zu de-fossilisieren.
Zum anderen müssen wir aufpassen, dass wir weder die Ansätze einer dezentralen Energieversorgung aus den Augen verlieren, noch die Grundsätze einer nachhaltigen Wirtschaft. 

Anders formuliert: langfristig macht nur nachhaltig erzeugter Wasserstoff Sinn – ob sich die Verfolgung einer blauen, oder türkisen Wasserstoff-Wertschöpfungskette mittelfristig noch wirtschaftlich lohnt, muss man sehen. Meines Wissens haben beide Pfade noch nicht den technischen Reifegrad für eine Umsetzung im industriellen Maßstab – und ob sich der Aufbau von großtechnischen Anlagen abschreibungsmäßig dann überhaupt noch lohnt, sollte wirklich kritisch untersucht werden. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass zum einen selbst die IEA (International Energy Agency) mahnt, keine neuen Investitionen in fossile Öl & Gasförderung zu tätigen – und zum anderen jedwede fossile Förderung mit Methanschlupf einhergeht. Denn Methan ist deutlich schädlicheres Klimagas, als CO2!

Die Kosten für die Herstellung und den Transport von Wasserstoff sind derzeit noch sehr hoch und nicht wirtschaftlich. Kann Deutschland im internationalen Vergleich damit überhaupt wettbewerbsfähig bleiben?

Ich denke schon. Wenn man sich so anschaut, was auch zum Beispiel in China gerade für die Stahlindustrie angedacht wird, ist man offenbar auch dort auf dem Weg, neue nicht-fossile Prozesse einzuführen. Anfänglich bedeutet das Subventionen und auch Zertifizierungen für grünen Strom, grünen Wasserstoff und grünen Stahl. Aber wenn letztendlich global alles fossilfrei umgestellt ist, benötigen wir keine weitere Förderung und Zertifikate mehr.
Während andere Nationen Ziele für den Ausbau erneuerbarer Energien festlegen, hält Deutschland für meinen Geschmack weiterhin zu sehr am Prinzip der „Deckelung“ fest. Denn ich frage mich: wie wollen wir hier 100% RE einführen, wenn das EEG gleichzeitig weiterhin viele Dinge eher verhindert als fördert: die „echte“ Bürgerenergie ist quasi tot, Mieterstrom extrem schwierig, um nur zwei ärgerliche Beispiele zu nennen. Und eine Definition von grünem Wasserstoff kennt das EEG 2021 nicht einmal.

Ina Stevens gemeinsam mit dem Podium und den Unterstützern des
17. MDEG in Leipzig

2020 wurde der Bruttoendenergieverbrauch in Deutschland nur zu 19,3 % aus Erneuerbaren Energien gedeckt. Dies ist knapp weniger als ein Fünftel. Um grünen Wasserstoff zu erzeugen, benötigt man grüne Energie. Woher soll diese zukünftig kommen?

Die Energie – besonders elektrischer Strom – muss dort erzeugt, aber auch verbraucht werden, wo sie günstig ist. Auch deswegen war die Idee damals, mit dem Projekt Desertech grünen Strom aus der Sahara nach Deutschland zum Verbraucher zu leiten, meiner Meinung nach irgendwie nicht zu Ende gedacht. Warum soll ich erst in Deutschland aus grünem Sahara-Strom grünen Wasserstoff per Elektrolyse herstellen? Warum erst in Deutschland grünen Ammoniak, grünes Methanol – oder eben auch grünen Stahl herstellen? Vielleicht bekommen wir ja in Zukunft aus Australien „grüne“ Roheisen-Pellets? Ich denke, wir sollten davon ausgehen, dass sich ganze Lieferketten verändern werden – und nicht nur grüner Wasserstoff importiert wird.

Wie bewerten Sie die bisherigen Bemühungen der Politik, den Weg für klimafreundliche Technologien zu ebnen?

Die Nationale Wasserstoff-Strategie ist auf jeden Fall ein wichtiger erster Schritt – wobei ich hier doch noch geradezu anmerken MUSS, dass es mich schon verwundert, wie man eine „Nationale Wasserstoff-Strategie“ umsetzen will, ohne eine „Nationale Energie-Strategie“ zu haben.

Leider ist man meines Erachtens nach auch zu sehr auf zum Beispiel Elektrolyse-Wasserstoff fokussiert. Ob zum Beispiel „grüner“ Strom aus einer Müll-Verbrennungsanlage wirklich „echten“ grünen Wasserstoff produziert? Wo doch bei einer Verbrennung chemisch notgedrungen Unmengen von CO2 frei werden – das ist für mich schon etwas schräg.

Hier fehlt mir noch das Vordenken eines Gesamt-Systems: Energie, Rohstoffe, und das alles als Kreislaufwirtschaft – mit möglichst geschlossenen Kreisläufen.

Gibt es Innovationen in der Herstellung von Wasserstoff, der Dekarbonisierung oder auch Firmen die Sie in letzter Zeit beeindruckt haben?

Ich freue mich total, dass es immer wieder Startups gibt, die mit neuen Ideen kommen – und dann auch finanziell unterstützt werden. Ärgerlich ist es aber, wenn zum Beispiel auf die Nachfrage, was nun GENAU mit dem in der Anlage entstehenden CO2 passiert, keine Rückmeldung mehr kommt. Da wird oft nur bis zum Ende des technischen Prozesses gedacht, aber nicht das Problem vom Ende her gesamtsystemisch angegangen.

Nehmen wir den anderen Fall, dass jemand in der Lage wäre, aus zum Beispiel belastetem Altholz unter Luftabschluss „saubere“ Holzkohle zu erzeugen. Diese Holzkohle könnte eigentlich unbedenklich auf landwirtschaftliche Böden ausgebracht werden – leider ist dies gemäß Düngemittel-Verordnung nicht möglich. Das heißt hier ist nicht die Technologie das Problem, sondern die Regulatorik.

v.l.n.r.: Rainer Otto, Geschäftsführer Vi-Strategie GmbH, Dr. Patrick Graichen, Direktor Agora Energiewende, Thomas Rieger, Niederlassungs-leiter der LBBW Leipzig, Ina Stevens und Ulf Heitmüller, CEO der VNG AG.

Sie sind Teil des Autorenteams der Studie „Biokonversion in Mitteldeutschland – zentraler Baustein für eine postfossile, biobasierte Wirtschaft“. Welche Erkenntnisse haben Sie durch die Arbeit an der Studie gewonnen?

Wenn wir gerade in der Coronakrise an Kunststoffe denken, ob für Medizinprodukte, oder für Take-Away-Geschirr, kann das nur nachhaltig sein, wenn großflächig Biokunststoffe eingesetzt werden, die dann eben NICHT verbrannt werden (wobei wieder CO2 entsteht), sondern durch andere Methoden als Biochar/Biokohle wieder dem Boden beigemischt werden können.

Das heißt, wenn eine wirkliche Kreislaufwirtschaft etabliert werden kann. Gerade mit Biomasse als Ausgangsstoff ergeben sich hier Chancen für lokales und dezentrales Wirtschaften.

Das spannendste war aber für mich persönlich die ganz neue Allianz zwischen der Biomasse- und der Wasserstoff-Branche: Wasserstoff aus biogenen Reststoffen, beziehungsweise „waste-to hydrogen“.

Wenn die Politik jetzt noch die Weichen dafür stellt, zum Beispiel die Biochar-Einbringung in den Boden als CCS (Carbon Capture and Storage) anzuerkennen, so dass auch hier Geld mit jeder vermiedenen Tonne CO2 verdient werden kann, bekommen wir gerade in ländlichen Gebieten, aber auch der städtischen Abfall-Verwertung,  ganz neue Möglichkeiten der Wertschöpfung.

Wie schätzen Sie das Potenzial von Biowasserstoff im Gesamtkontext ein?

Mengenmäßig bin ich nicht in der Lage, das selber akkurat einzuschätzen. Ich vermute aber schon, dass zum Beispiel weniger frequentierte Wasserstoff-Tankstellen durchaus lokal mit Bio-Wasserstoff versorgt werden könnten – was ja zusätzlich auch noch den CO2-Fußabdruck des ansonsten von weiter hier zu transportierenden Wasserstoffs vermindert.

Es wird immer wieder gesagt, dass es in Deutschland keine „freie“ Biomasse mehr gäbe – oder zumindest nicht genug. Es gibt aber genügend Abfallstoffe, die aus welchen Gründen auch immer nur vernichtet, oder „endgelagert“ werden können, ob zum Beispiel Gärreste & Klärschlämme, oder eben auch viele Stoffe (zum Beispiel belastete Krankenhaus-Abfälle), die gegenwärtig im Allgemeinen zwecks „Vernichtung“ verbrannt werden – was eben mit CO2-Emissionen einhergeht.

Wenn wir diese Reststoffe zu Biowasserstoff weiterverarbeiten können, ergeben sich völlig neue Möglichkeiten, die abseits der Konzentration auf „grünen“ Elektrolyse-Wasserstoff ebenfalls betrachtet werden sollten, da wir ja somit auch die zum Teil massiven Entsorgungskosten einsparen können.

Beantworten Sie bitte abschließend die Frage, was Ihrer Meinung nach unbedingt in den nächsten Jahren geschehen muss, um die Klimaschutz- und Nachhaltigkeitsziele zu erreichen?

Die deutsche Bevölkerung – vom höchsten Politiker bis hin zum kleinsten Kind – muss verstehen, dass sich Klimaschutz, Nachhaltigkeit und sichere Arbeitsplätze eben NICHT gegenseitig ausschließen. Ganz im Gegenteil: mit einer Kreislaufwirtschaft verbrauchen wir deutlich weniger Ressourcen – und können trotzdem unseren Wohlstand sichern.

Zudem muss endlich auch in Deutschland flächendeckend bekannt werden, dass die Vereinten Nationen bereits im September 2015 in der Agenda 2030 die 17 Nachhaltigkeitsziele (SDGs – sustainable development goals) formuliert haben. In anderen Ländern werben Firmen bereits mit diesen Logos, zum Beispiel 1 – keine Armut, 2 – kein Hunger, bzw. 7 – bezahlbare und saubere Energie, etc.

Leider sind in Deutschland selbst vielen jungen Leuten diese UN-Ziele komplett unbekannt. Das muss sich unbedingt ändern, wenn wir weiter eine globale Vorreiterrolle behalten wollen. Ebenso müssen die Grundzüge einer Wasserstoff-Wirtschaft bekannter werden. Anfang Oktober wird dazu ein Kinderbuch PIXI-Wissen vorgestellt werden, das dann hoffentlich auch politische und wirtschaftliche Entscheidungsträger ihren Kindern und Enkeln vorlesen werden.

Die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der UN, Foto: Bundesregierung