27.05.2021: Herr Brzeski, Sie vergleichen Ihre Arbeit gern mit der eines Meteorologen. Können Sie dies kurz erklären?

Volkswirte in der Finanzbranche haben zwei Hauptaufgaben: sie müssen gut erklären können, warum etwas passiert ist, und sie müssen gute Prognosen über die Zukunft abgeben. Unsere Kunden erwarten, dass wir mit Sachverstand Geschehen an den Finanzmärkten und in der Konjunktur einordnen können, aber auch, dass wir sie gut auf das wirtschaftliche Wetter von morgen vorbereiten. Regnet es oder scheint die Sonne? Ähnlich wie bei den Meteorologen sind wir allerdings schon froh, wenn unsere Trefferquote besser ist als 50%…

Nun haben Wetterprognosen gelegentlich an sich, dass sie nicht eintreten bzw. nicht die Eigenschaft einer selbsterfüllenden Prophezeiung annehmen können. Was halten Sie davon?

Den Meteorologen, der das Wetter beeinflussen kann, habe ich noch nicht gesehen. Ebenso wenig wie den Volkswirt mit den selbsterfüllenden Prophezeiungen. Erfahrung und Qualität erhöhen die Wahrscheinlichkeit von guten Prognosen, eine Garantie sind sie allerdings nicht. Außerdem ist Volkswirtschaft auch eine Sozialwissenschaft, bei der es kein objektives Richtig oder Falsch gibt. Ich rate immer zu Vorsicht, wenn Volkswirte zu selbstsicher ihre eigenen treffsicheren Prognosen loben. Wir wissen ja wie das mit der Hochmut endet…

Sie sind Chefvolkswirt der ING-DiBa. Da fallen einem spontan zahlreiche Themen ein, von der CO2-Bepreisung über Negativzinsen bis hin zur Transformation der Volkswirt-schaften im Rahmen des Green Deals. Gibt es Themen, die Sie besonders interessieren?  

Seit meinem Einstieg ins Berufsleben beschäftige ich mich mit Europa, dem Euro und der Währungsunion. Diese Themen zusammen mit der EZB liegen mir sehr am Herzen. Man entwickelt sich aber natürlich immer weiter. Europa und der Euro sind auch in der Zukunft wichtige Themen. Über allem stehen aber der Kampf gegen den Klimawandel und der Übergang zu Nachhaltigkeit. Das Schöne an meinem Beruf ist eigentlich, dass es immer wieder neue und interessante Themen gibt.

Carsten Brzeski, Chefvolkswirt und Global Head of Marco Research der ING, Foto: ING Pressebild unter www.ing.de
Die digitale Bank – ING Banking to go App, Foto:
ING Pressebild unter www.ing.de

Sie haben einen eigenen Podcast „Carsten´s Corner“, einen eigenen Blog und ver-öffentlichen regelmäßig YouTube-Videos zum Thema „Neues über die Märkte, Neues aus der Wirtschaft“. Sind ihre Themen in den verschiedenen Formaten eher national oder europäisch ausgerichtet?

Wir versuchen unterschiedliche Kunden- und Zielgruppen mit unterschiedlichen Formaten anzusprechen. Für die gesamte ING bin ich auch noch Global Head of Macro Research und kann damit aus einer sehr breiten Palette von Themen schöpfen und unseren Kunden näher bringen.

Die ING-DiBa ist eine digitale Bank, das heißt es gibt keine Filialen vor Ort. Im Internet war zu lesen, dass auch Sie das Papierzeitalter hinter sich gelassen haben und ausschließlich digital leben. Ist dies aus heutiger Sicht grundsätzlich durchgängig machbar? Welche Motivation verbirgt sich dahinter? Gönnen Sie sich dabei auch eine digitale Auszeit?  

Seit dem Ausbruch der Pandemie arbeiten fast alle Kollegen von zu Hause. Und das funktioniert sehr gut. Dadurch wurde auch die Digitalisierung am Arbeitsplatz noch mal beschleunigt.

Ich arbeite zu Hause wirklich papierlos. Na ja, bis auf kleine Notizen und Spickzettel. Dafür benutze ich noch Papier. Lange digitale Auszeiten sind an den schnelllebigen Finanzmärkten nicht einfach. Ich passe aber wohl gut auf, dass meine Augen nicht viereckig werden. 

Stichwort Digitalisierung, wo steht Deutschland Ihrer Meinung nach aktuell und was für ein Ziel sollte angepeilt werden?

Die Pandemie sollten auch dem Letzten deutlich gemacht haben, dass wir in Deutschland einen großen Nachholbedarf bei der Digitalisierung haben. Ob es nun die digitale Infrastruktur ist oder der Einsatz von digitalen Produkten und Dienstleistungen. In vielen Bereichen sind wir digitales Entwicklungsland.

Kommen wir zu einem weiteren wichtigen Thema dieser Tage: Green Finance. Welchen Stellenwert messen Sie Green Finance im Kontext der Corona-
Krise zu?

Die Corona-Krise ist Beschleuniger von vielen strukturellen Veränderungen. Digitalisierung haben wir schon besprochen. Der Kampf gegen den Klimawandel ist ein weiterer Faktor. Vor der Krise gab es schon den Green Deal oder das Klimapaket. Das Positive an den meisten Konjunkturpaketen in Europa ist, dass sie großenteils in den Kampf gegen den Klimawandel mit einfließen werden. Es ist wichtig, dass der gesamte Finanzsektor hierbei auch seine Verantwortung nimmt.

Wer agiert in diesem Zusammenhang Ihrer Meinung nach als Treiber die Anleger, die Unternehmen oder beispielsweise Fridays for Future?

Wie heißt es so schön: Erfolg hat viele Väter, der Misserfolg ist ein Waisenkind. Ich finde es schwierig, einen einzelnen Treiber hervorzuheben. Fridays for Future ist eine wichtige Bewegung, die eine große Rolle gespielt hat. Vielleicht war es einfach die richtige Bewegung zum richtigen Zeitpunkt, wodurch sich auch Anleger und Unternehmen ihrer Verantwortung endlich bewusst wurden.  

2019 wurde der European Green Deal von der EU-Kommission vorgestellt. Ziel des Deals ist das klimaneutrale Wirtschaften auf dem europäischen Kontinent bis 2050. Aktuell wirkt der Green Deal wie ein reines Ideenwerk. Wie würden Sie das Vorhaben derzeit bewerten?

Der Green Deal hat durch den sogenannten Europäischen Aufbaufonds enorm an Gewicht gewonnen. Ich habe nichts gegen Ideenwerke. Alles beginnt mit einer guten Idee. So auch der Green Deal. Das ist Europa. Schnell und spontan geht es bei uns fast nie. Durch die Konjunkturpakete zur Bekämpfung der Pandemie bekommt der Green Deal früher als erwartet ein richtiges Gesicht.

Polen hat sich bisher nicht offiziell dem Ziel der Klimaneutralität angeschlossen. Welche Auswirkungen hat das?

Je mehr Europa mit einer Stimme spricht und je mehr Europa zusammenarbeitet, umso besser ist es. Das Ziel der Klimaneutralität beziehungsweise der Kampf gegen den Klimawandel sind so wichtig für uns und zukünftige Generationen, dass sie nicht Opfer billigen politischen Kuhhandels werden sollten.

Zunächst eine Billion Euro, später 750 Milliarden Euro sollen bis 2030 für den Green Deal mobilisiert werden. Im vergangenen Jahr wurden Pläne, in welcher Höhe und woher das Geld kommen soll, mehrfach geändert. Woran liegt das? 

Europa ist kompliziert. Im letzten Jahr ging es vor allem darum, die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zu bekämpfen und zu verhindern, dass es eine neue Eurokrise gibt. Dafür war es essentiell Europäische Solidarität zu demonstrieren.

Eingang des ING Hauptgebäudes in Frankfurt am Main,
Foto: ING Pressebild unter www.ing.de

Das ist gelungen, hat aber eine Weile gedauert, wodurch Pläne und Gelder im Laufe der Verhandlungen auch immer wieder mal angepasst wurden. Das nennt man wohl „Politik“. 

In diesem Jahr sollen zu den vorgelegten Strategien und Aktionsplänen entsprechende Gesetzestexte angefertigt werden. Was ist hierbei wirtschaftlich von besonderer Bedeutung? Zum Beispiel die Einführung von EU-Klimazöllen auf Importe?

Am wichtigsten ist, dass Investitionen endlich beschleunigt werden. Das hilft der Konjunktur und dem Kampf gegen den Klimawandel.

Kritiker sprechen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie bereits vom Ende des Green Deals. Worin ist Ihrer Ansicht nach diese Aussage begründet?

Nein, definitiv nicht. Die aktuellen Konjunkturpakete haben einen grünen Anstrich, die nationalen Wiederaufbaupläne auch. Außerdem hat die Pandemie gezeigt, was für eingreifende Maßnahmen möglich sind. Nicht, dass wir nach mehr als einem Jahr Lockdown wahrscheinlich alle davon genug haben, aber die Aussage „geht nicht“ ist nach der Pandemie nicht mehr so einfach aufrecht zu halten.

Für wie realistisch halten Sie die Umsetzung des Green Deals bis 2050? Beziehungsweise was ist Ihrer Meinung nach entscheidend für die erfolgreiche Umsetzung?

 Ich halte es hier mit unserer Kanzlerin: die Umsetzung ist einfach ‚alternativlos‘.