21.06.2021: Sehr geehrter Herr Dr. Schramm, Sie sind Geschäftsführer der Ingenieurbüro für Energiewirtschaft Dr.-Ing. Dirk Schramm GmbH. Stellen Sie Ihr Unternehmen bitte kurz vor. Welche Formen der Energieberatung bieten Sie an?

Die Energieberatung ist ein sehr komplexer Dienstleistungsbereich. Neben detailliertem Spezialwissen in ausgewählten Branchen ist immer ein sehr generalistischer Ansatz im Beratungsprozess notwendig. Das deckt man im Grunde nicht als Einzelberater, sondern nur im Team mit unterschiedlichen Qualifikationen der Teammitglieder ab. Falls notwendig, kann dann auch auf externes Spezialwissen zurückgegriffen werden, wenn diese Qualifikation im eigenen Team nicht vorhanden sein sollte.

Wir haben uns jetzt als End-To-End-Beratungsunternehmen am Markt etablieren können. End-To-End oder auf Deutsch „von-Anfang-bis-Ende-Beratung“ heißt für uns: Kunden ab dem Akquisegespräch, über die Situationsanalyse und die sich anschließende Begleitung bei der Umsetzung der Maßnahmen zur Optimierung der Energieverbräuche und Erneuerung von Maschinen und Anlagen, incl. der Einholung von Angeboten, dem Stellen und Abrechnen von Förderanträgen, bis zum Abschluss der Maßnahmen zu begleiten!

Das immer besser zu machen, ist unser Anspruch und Herausforderung zugleich.

Bereits vor der Corona-Pandemie nahm die Bedeutung digitaler Geschäftsmodelle immer mehr zu. Die Pandemie hat dies nun nochmal beschleunigt. Wie würden Sie die Veränderungen in den letzten Monaten in diesem Bereich bewerten?

In den letzten Monaten ist hauptsächlich festzustellen, dass das Verständnis von bzw. das Verhältnis zum Thema „Digitalisierung“ eine andere Bedeutung erlangt hat. Das ist für die weitere Digitalisierung und die Entwicklung neuer datenbasierter Geschäftsmodelle eine wesentliche Voraussetzung!

Dr. Dirk Schramm, Geschäftsführer
Ingenieurbüro für Energiewirtschaft
Dr.-Ing. Dirk Schramm GmbH,
Foto: IfE

Zur abgesagten EAST 2020 hätten Sie gemeinsam mit Ihrem Kollegen Axel Mansilla, Energieberater und Entwickler, einen Vortrag über Datenanalyse mittels künstlicher Intelligenz gehalten. Ist die entsprechende KI-Software ein Produkt Ihres Unternehmens? Erläutern Sie bitte in diesem Zusammenhang auch die Funktionsweise.

Ja, die Anwendungsapplikation „KI zur hochautomatisierten Datenanalyse bei Kunden mit registrierender elektrischer Leistungsmessung“ ist in unserem Ingenieurbüro entwickelt worden. Herr Axel Mansilla hat sich im Rahmen seiner Masterarbeit mit dem Thema „KI“ auseinandergesetzt. Hintergrund war die Lastgangauswertung von RLM-Kunden von Energieversorgern und Stadtwerken mit dem Ziel, Energieeffizienzpotenziale und Kosteneinsparpotenziale sehr schnell festzustellen und diese Erkenntnisse zur Kundenbindung nutzbar zu machen.

Welche Vorteile während einer Analyse hat die KI-Software gegenüber einer manuellen Analyse?

Gegenüber einer manuellen Analyse erreicht man Zeiteinsparungen mit dem Faktor 100 oder höher!

Der große Vorteil liegt hier also in der Bearbeitung vieler Datensätze, wie sie bspw. in einem Stadtwerk vorliegen. Das Ergebnis kann ein Ranking aller zu beurteilenden Lastgänge sein. So können die Kunden, die nach den zuvor festgelegten Kriterien das größte Potential besitzen, auch als erstes bearbeitet werden.

„Irren ist menschlich“ trifft dies auch in gewisser Weise auf künstliche Intelligenz zu, sprich wie groß ist der Fehlerquotient beziehungsweise die Gefahr, dass Datenmengen falsch analysiert werden?

„Irren IST menschlich“. Ein KI-System muss mit Hilfe von Daten angelernt und getestet werden. Im Augenblick befinden wir uns in der aktiven Testung des KI-Systems. Eine Art Kooperation zwischen einem „echten“ Experten und dem „KI-Kollegen“. Auch wenn man es sich wünschen würde, es liegt noch ein Stück Weg vor uns, bis durch das KI-System mit einer hohen Trefferquote Ergebnisse erzielt werden, die akzeptabel sind. Umso größer die Datenmengen eines Versorgers, desto größer sind die Vorteile und die Ergebnisse der KI-Analyse!

Axel Mansilla, Innovationsassistent im Fachbereich Energieeffizienzberatung, an der Energieeffizienzleitwarte, Foto: IfE

Auf Ihrer Homepage war von einer Energieeffizienzleitwarte zu lesen. Was verbirgt sich hinter diesem Konzept?

Hinter der Energieeffizienzleitwarte verbirgt sich die Möglichkeit der externen Kontrolle und der daraus abgeleiteten weiteren Optimierung von Stromverbräuchen bei RLM-Kunden. Bei bis zu 50 und oftmals auch noch mehr Untermessungen pro RLM-Kunde besteht die Möglichkeit, Effizienzpotenziale auch automatisiert zu erkennen. Das permanente Monitoring von Verbräuchen einzelner Maschinen und Anlagen ist dafür die Voraussetzung.

Es gibt derzeit verschiedene Meinungen in Bezug auf den Umstieg von fossilen Energieträgern auf Erneuerbare Energien. Sind Sie der Ansicht, dass die von einigen befürchtete „Stromlücke“ nach Abschaltung der Kraftwerke durch Erneuerbare Energien abgedeckt werden kann?

Der Umbau der Stromversorgung in Deutschland von der konventionell geprägten Stromerzeugung hin zu einer überwiegend regenerativ geprägten Stromversorgung ist für die nächsten Jahre eine gewaltige Herausforderung. Durch Stromerzeugungsanlagen im Bereich der Erneuerbaren Energien sollen darüber hinaus im Rahmen der Sektorenkopplung ja auch noch der Wärmesektor und die Mobilität mit dekarbonisiert werden! Nach dem Klimaschutzgesetz 2021 soll Deutschland bis 2045 klimaneutral werden, das sind keine 25 Jahre mehr! Wenn die Rechnung halbwegs aufgehen soll, müssen wir uns in Deutschland vom z. Zt. vorherrschenden Aktionismus verabschieden und nachhaltige Lösungen erarbeiten und umsetzen.

Wie wird die Versorgungsstruktur vor dem Hintergrund des Umstieges auf Erneuerbare Energien sein? Zentral oder dezentral?  

Die Versorgungsstruktur der Zukunft wird dezentral geprägt sein. Sinnvoll ist in jedem Fall, Energie dort zu erzeugen, wo sie auch verbraucht wird. Zum Ausgleich von Über- und Unterkapazitäten ist dann das zentrale Netz notwendig. Smarte Netze sind dafür die Grundvoraussetzung!

Der European Green Deal ist in diesem Zusammenhang aktuell ein heiß diskutiertes Thema. Wie wird Ihrer Meinung nach die Zukunft der Stadtwerke, der Energieversorger aber auch der Industriebetriebe auf dem Weg zum nachhaltigen Wirtschaften aussehen?

Durch die jetzt vorliegende Verschärfung der Klimaschutzziele der EU mit dem Ziel, bereits bis zum Jahr 2050 eine vollständige Klimaneutralität und bis zum Jahr 2030 eine Reduktion der Treibhausgasemission um – 55 % gegenüber 1990 zu erreichen, kommt auf die EVU´s und Stadtwerke eine große Herausforderung zu, mit entsprechenden Chancen für neue Geschäftsmodelle mit erneuerbaren Energien. Dabei wird die Sektorenkopplung eine bedeutende Rolle spielen!

Auch Industriebetriebe und andere Energieverbraucher sind gefordert, ihre bisherigen Energieversorgungskonzepte zu überdenken. Ein wesentlicher Treiber werden stark steigende CO2-Preise für die konventionellen Energieträger darstellen! Auch hier können Stadtwerke und EVU´s mit innovativen Geschäftsmodellen wichtige Partner in ihrer Region sein!

Werfen Sie bitte abschließend einen Blick in die Glaskugel: Wo sehen Sie Ihr Unternehmen in den nächsten 10 Jahren?

Unser Unternehmen ist für die Zukunft gut aufgestellt. Im Augenblick schaffen wir die Voraussetzungen, um in den einzelnen Unternehmensbereichen entsprechendes Wachstum in naher Zukunft generieren zu können. Unser Anspruch sind Dienstleistungen auf hohem und höchstem Niveau, welche die Kundenbedürfnisse treffen. Dies sind die Garanten für einen langfristigen Unternehmenserfolg, den wir im Jahr 2021 mit unserem 28. Unternehmensgeburtstag feiern. Im Übrigen ist eines unserer Geschäftsmodelle der Aufbau von Energiedienstleistungen für EVU´s und Stadtwerke. Mit unseren „White-Label-Lösungen“ in einem wachsenden Markt ermöglichen wir den Stadtwerken im Umgang mit ihren Kunden mehr Transparenz und Nähe!

Vielen Dank für das Interview!

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