17.05.2021: Die Stadtwerke Jena GmbH ist mit rund 1.600 Mitarbeitern, mehreren Tochter- und Beteiligungsgesellschaften sowie einer Bilanzsumme von rund 840 Millionen Euro definitiv kein kleines Stadtwerk. Dies und das Ausscheiden der derzeitigen Geschäftsführung im Sommer aus dem Amt nahm Aktuelles zum Anlass, um mit Geschäftsführer Thomas Zaremba über seine Tätigkeit zu sprechen.

Thomas Zaremba, Geschäftsführer der Stadtwerke Jena GmbH, Foto: Stadtwerke Jena GmbH. 

Sehr geehrter Herr Zaremba, Sie sind seit 2010 Geschäftsführer der Stadtwerke Jena. Sie begleiten die Stadtwerke als Geschäftsführer somit bereits seit 11 Jahren. Wissen Sie noch, wie Ihr Start gewesen ist? Welche Herausforderungen gab es für Sie 2010?

Das war ein Schnellstart. Ich war damals verantwortlich für das Controlling, die Energiewirtschaft, das Beteiligungsmanagement und die Unternehmensentwicklung. Einer unserer Geschäftsführer war bereits längere Zeit erkrankt und legte sein Amt nieder. Die Gesellschafter fragten mich, ob ich übernehmen würde. Ich übernahm.
Zum damaligen Zeitpunkt ging es unter anderem um Neuordnungen im Gesellschafterkreis. So war unter anderem die Aufnahme einer Bürgergenossenschaft in den Gesellschafterkreis zu organisieren und umzusetzen, das Unternehmen stand im Wettbewerb um Konzessionen für Strom und Gas, die Zukunft der Wärmeversorgung war nicht klar. Gleichzeitig hatten die Aktivitäten zum Wachstum im Bereich der Erneuerbaren Energien Fahrt aufgenommen, der Wettbewerb im Stromvertrieb verschärfte sich. Alles in allem: Es war nicht langweilig! Und ist es bis heute auch nie geworden!     

Grundsätzlich erinnert man sich lieber an positive Ereignisse zurück. Aber auch schwierige oder negative Ereignisse gehören dazu. Welche Entscheidung war die schwierigste, die Sie als Stadtwerke-Geschäftsführer treffen mussten?

Im Geschäftsleben gibt es immer wieder Chancen, die man ergreifen und nutzen sollte. Das hat seinen Preis. Um Chancen nutzen zu können, muss man auch mögliche Risiken in Kauf nehmen. Und so gab es in den vergangenen Jahren viele erfolgreiche Projekte, aber auch Misserfolge. Das gehört einfach dazu. Die schwierigsten Entscheidungen waren und sind für mich Entscheidungen, die unmittelbar mit Menschen, mit Kolleginnen und Kollegen, mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu tun haben.

Wenn Sie einmal zurückblicken, welche Projekte oder auch Veränderungen sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Das sind zum einen die gesellschaftlichen Themen der Klima- und Energiewende. Hier denke ich an den Umbau der Erzeugung, die zunehmende Dezentralität, die Nachhaltigkeit unserer Handlungen und Entscheidungen. Aber auch an alle Fragen der Regulierung der Strom- und Gasnetze, der Kosten der Energiewende und deren Verteilung. Die vorhandenen Unsicherheiten für Investitionen bestimmten und bestimmen unsere Zeit.

Auch Stadtwerke leben vom Geschäft. Wie hat sich die Anzahl der Kunden während Ihrer Zeit als Geschäftsführer verändert?

Die Kundenanzahl ist leicht gestiegen. Die Kundenverluste im eigenen Netz konnten wir mit Kundengewinnen in fremden Netzen kompensieren.  

Seit 2015 steigt der Bezug von Ökostrom stetig. Ökostrom wird also immer beliebter. Wie viele Ihrer Kunden beziehen mittlerweile Ökostrom?

Alle unsere Haushaltskunden beziehen Ökostrom. Seit 2011 liefern die Stadtwerke in Jena ausschließlich grünen Strom. Ich gehöre natürlich auch dazu.

Stadtwerke werden immer mehr zu Allroundern. Welche Bereiche decken die Stadtwerke Jena mit ihrer Unternehmensstruktur ab? Welche Vorzüge haben Ihre Stadtwerke gegenüber anderen? Welche Vorteile ergeben sich daraus für Ihre Kunden?

Den Vergleich mit anderen Stadtwerken mag ich nicht so gern ziehen. Ich würde eher die regionalen Strom- und Gasversorger und Energiedienstleister mit überregionalen Unternehmen vergleichen. Stadtwerke sind vor Ort. Nahbar. Greifbar. Sie verbinden wirtschaftliche, soziale und politische Herausforderungen in der Kommunalwirtschaft – in einem kommunalem Umfeld – als Beitrag zum Gemeinwohl. Der direkte Kontakt vor Ort mit Gesellschaftern, Bürgerinnen und Bürgern und Kundinnen und Kunden – und das auch häufig in überlappenden Rollen – garantiert eine unmittelbare Bewertung von Erfolg und Misserfolg unternehmerischer Tätigkeit.

Wichtig für ein Stadtwerk ist es, die Produkte und Dienstleistungen vor Ort zu kombinieren und daraus einen Mehrwert zu schaffen einen Mehrwert für die Bürgerinnen und Bürger, für die Kundinnen und Kunden des Unternehmens. In Jena haben wir versucht, verschiedene Produkte und Dienstleistungen aus den Geschäftsbereichen Energie, Wohnen, Mobilität, Freizeit und Services miteinander zu verbinden. Manchmal waren wir damit erfolgreich, manchmal nicht. Am Ende des Weges sind wir hier auf keinen Fall.

Jena, Foto von Jana Schneider auf Pixabay 

Hat man als städtischer Energieversorger eine gesellschaftliche Verantwortung?

Auf jeden Fall. Ein kommunales Energieversorgungsunternehmen trägt Verantwortung für die sichere Versorgung der Bürgerinnen und Bürger und hat einen wirtschaftlichen Beitrag zur Entwicklung der Stadt und der Region zu leisten. Als Teil der Daseinsvorsorge trägt ein kommunales Unternehmen aber auch Verantwortung für die gesellschaftliche Entwicklung und die Lebensqualität einer Stadt. Es ist Teil der Stadtgesellschaft, Partner der Politik, Unterstützer von Kultur und Kunst, Sport und sozialen Projekten, bietet interessante Arbeitsplätze und ist Auftraggeber der örtlichen und regionalen Wirtschaft.   

Die Stadtwerke Jena verfügen über ein sehr umfangreiches Angebot für ihre Region. Bereits in ihrer Gründungsurkunde 1991 haben sie sich verpflichtet, ihre Aufgaben bei weitestgehender Schonung der natürlichen Umwelt und der vorhandenen Ressourcen zu erfüllen. Für die damalige Zeit war dies ein sehr innovativer Ansatz.

Ja, zum damaligen Zeitpunkt war das ungewöhnlich. Heute nicht mehr. Zu Beginn des Interviews hatten Sie mich gefragt, welche Veränderung mir in Erinnerung geblieben ist. Neben den bereits erwähnten Veränderungen haben sich auch die Erwartungen ans uns Stadtwerke/Energieversorger/kommunale Unternehmen verändert und unser eigenes Rollenverständnis hat sich weiterentwickelt.

Um den Klimawandel zu stoppen, ist der Beitrag eines jeden Einzelnen wichtig. Der Beitrag eines kommunalen Versorgungsunternehmens muss größer sein. Das wird von uns erwartet, das ist aber auch unser Selbstverständnis. Wir haben einen Beitrag zu leisten zur Klima- und Energiewende vor Ort, zur Nachhaltigkeit; einen Beitrag für eine klimaneutrale, leistungsstarke und lebenswerte Kommune.

Diese Beiträge können im Einzelfall sehr unterschiedlich sein. Die Aufgaben sind vielfältig:

Wir müssen den Ausbau der Erneuerbaren Energien beschleunigen, sowohl im ländlichen Raum als auch in den Städten.

Wir müssen nicht nur über Sektorenkopplung sprechen, wir müssen eine Kopplung der Sektoren Energie, Wohnen und Verkehr auch wirtschaftlich möglich machen – hier steht der Gesetzgeber immer noch in der Pflicht, das System der Abgaben und Umlagen grundsätzlich umzugestalten – und wir müssen die Kopplung vollziehen. Ganz aktuell sind hier die Themen des Ausbaus der Elektromobilität und der Umbau der Wärmesysteme mit der Integration Erneuerbarer Energien in den Wärmemarkt.

Wir müssen als Storm- und Gasnetzbetreiber unsere Netze intelligent aus- und umbauen, um Ein- und Ausspeisung und Netzausbau in vernünftige Relationen zu bringen.

Wir müssen uns als kommunale Infrastrukturunternehmen vor Ort noch stärker dem Glasfaserausbau in unseren Städten und Gemeinden widmen.

Wir müssen das Thema Energieeffizienz in all seine Ausprägungen in den Focus nehmen.

Das ist keine abschließende Auflistung. Bei vielen Dingen stehen wir erst am Anfang. Weitere Herausforderung werden auf uns zukommen.  

Neben den genannten Themen dominiert die Corona-Pandemie weiterhin das gesellschaftliche Leben und die Wirtschaft. Wie sind die Stadtwerke Jena mit der Pandemie umgegangen? Wie haben Sie ihre Kunden in dieser Zeit unterstützt?

Da persönliche Kundenkontakte nicht möglich waren und möglich sind, haben wir unsere anderen Kanäle verstärkt.

Die Anzahl unserer Kundinnen und Kunden im Kundenportal ist gestiegen, unsere telefonische Erreichbarkeit haben wir mit verschiedenen technischen Möglichkeiten noch einmal verbessert. So konnten wir jederzeit für unsere Kundinnen und Kunden da sein und alle Fragen beantworten.

Auch in wirtschaftlicher und finanzieller Hinsicht stehen wir in engem Kontakt mit unseren Kundinnen und Kunden. Bei Bedarf reduzieren wir Abschläge und vereinbaren Zahlungspläne. Wir wollen keine Kundin und keinen Kunden allein lassen, der unverschuldet in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten ist.

Thomas Zaremba, Geschäftsführer der Stadtwerke Jena GmbH, Foto: Stadtwerke Jena GmbH.

Wir selbst waren als Unternehmen der kritischen Infrastruktur gut vorbereitet. Wir hatten und haben entsprechende Notfallfallpläne. Auch mobiles Arbeiten war von Anfang an selbstverständlich. Dabei kam uns zugute, dass wir Ende 2019 unsere Softwarelandschaft umgestaltet hatten und viele Kolleginnen und Kollegen bereits technisch für ein mobiles Arbeiten ausgerüstet waren.

Beantworten Sie bitte abschließend die Frage, was Sie sich für die Stadtwerke Jena in den nächsten Jahren wünschen.

Den Stadtwerken in Jena wünsche ich, neugierig zu bleiben. Neugierig zu bleiben auf Dinge, die das Leben in der Region, das Leben der Bürgerinnen und Bürger einfacher machen und die nachhaltig wirken. Um das zu erreichen, muss man wachsen und sich verändern. Und das immer wieder.