16.06.2021: Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Krabbes, Sie sind wissenschaftlicher Koordinator des Projektes RegioZukunft:Wärme.
Welche Region umfasst das Projekt?

Unsere, drei Bundesländer übergreifende WIR!-Region ordnet sich um die Metropole Leipzig an und wird nach Osten in etwa durch den Fluss Mulde sowie nach Westen durch die Bundesautobahn A9 begrenzt. Im Norden reicht sie bis in den Raum Bitterfeld-Wolfen, im Süden bis in die östlichsten Thüringer Landesteile hinein. Historisch entspricht dieses Gebiet einem großen Teil des Mitteldeutschen Braunkohlereviers.

Das Projekt-Team RegioZukunft:Wärme (v.l.n.r.): Dr. Hans Richnow – UFZ, Prof. Dr. Olaf Kolditz – UFZ,
Prof. Dr.-Ing. Markus Krabbes – HTWK, Prof. Dr. Dieter Rink – UFZ, Steven Hartung – HTWK und
Matthias Jordan – UFZ, Foto: RegioZukunft:Wärme

Warum wurde diese Region ausgewählt?

Mit Blick auf das vorherrschende Energiesystem ist diese Abgrenzung durch eine bis heute prägende wirtschaftliche Orientierung auf die Gewinnung, Verarbeitung und Veredlung von Braunkohle seit Beginn der Industrialisierung begründet. Mit der Braunkohle als Energieträger haben sich in der Region charakteristische Akteurskonstellationen entwickelt, die im Bereich der Wärmeenergieversorgung durch überwiegend zentrale Versorgungsstrukturen mit Stadtwerken als Großerzeugern und -abnehmer sowie als Betreiber von Fernwärmenetzen geprägt sind. Während die Umsetzung der Stromwende stetig voranschreitet, stagniert der Anteil erneuerbarer Wärme seit Jahren bei ca. 12% in der von Fernwärmesystemen geprägten WIR!-Region und ist damit sogar noch niedriger als im bundesweiten Durchschnitt. In unserer Region haben wir mittelständisch geprägte Unternehmen, die mit ihrem technischen  Background die komplexen technischen Herausforderungen des  Strukturwandels meistern und sich damit Chancen  für zukünftige Geschäftsfelder erschließen können.

Bitte erläutern Sie die Vision und die Mission des Projektes.

Die weiterhin stark auf fossile Quellen ausgerichtete Energie- und Grundstoffwirtschaft der WIR!-Region muss sich mittelfristig einer Transformation hin zu einer braunkohlefreien, weitgehend erneuerbaren Energieversorgung unterziehen. Dies könnte erneut zu Strukturbrüchen führen, was auch eine Neuausrichtung der Stadt-Umland-Beziehungen bedingt. Die Stadtwerke in der Region setzen bislang vor allem auf Erdgas-basierte KWK-Anlagen, um die bestehenden Wärmenetze zu versorgen, und haben damit die Energiegewinnung aus der Kohle-basierten KWK nahezu vollständig ersetzt. Doch als Übergangstechnologie werden fossile Energieträger erst durch vergleichsweise geringe Kapazitäten von Solarthermie, Bioenergie und Wärmespeichern ergänzt. Das langfristige Ziel ist jedoch, diesen erneuerbaren Anteil stetig auszubauen und Investitionen in eine sichere, wirtschaftlich und ökologisch verträgliche Wärmeenergieversorgung auf Basis erneuerbarer Quellen anzuschieben. Um die Wärmewende systematisch voranzutreiben wollen wir entsprechende Modellprojekte für die Region realisieren. Dazu entwickeln wir ein übertragbares Vorgehensmodell mit den vielfältigen und interdisziplinären Kompetenzen in der Region, welches immer wieder, über die Region und über die Förderphase hinaus, angewendet werden kann. Mit der Transformation ausgereifter Technologien in die Praxis soll uns zugleich ein Beitrag für Schaffung, Wandel und Sicherung einheimischer, gut bezahlter Arbeitsplätze gelingen, denn wirtschaftlicher Wandel war und ist schon immer eine Stärke der Region.

Welche Rolle spielt thermische Seewassernutzung innerhalb des Vorhabens?

Als Folge der Gewinnung von Braunkohle sind in der Region viele Tagebauseen entstanden. Diese Oberflächengewässer eignen sich aufgrund ihrer Tiefe potenziell für die Entnahme von Wärmeenergie, welche mittels Wärmepumpen auf das benötigte Versorgungsniveau angehoben werden kann.
Der saisonale Wärmeausgleich wird durch den Erdwärmeeintrag und die Sonneneinstrahlung in den Sommermonaten reguliert. Hier kann auf einem regionalen Forschungsprojekt der Metropolregion Mitteldeutschland zur thermischen Seewassernutzung aufgebaut werden.

Daneben sind in der WIR!-Region eine Vielzahl von Partnern mit Expertise auf diesem Gebiet der sogenannten Seethermie ansässig, welche auf jahrelange Forschungserfahrungen zurückgreifen können und diese in das Bündnis einbringen.
Neben dem Fokus der Potenzialanalyse und technischen Machbarkeit, werden hier auch Themen der Umweltverträglichkeit, Genehmigung und Synergien zu Sanierungsmaßnahmen eine Rolle spielen.

In welcher Projektphase befindet sich RegioZukunft:Wärme derzeit?

Im vergangenen Jahr wurde eine geförderte Konzeptionsphase bewilligt und nach deren neunmonatiger Arbeit am 31. Mai 2021 ein detaillierter Projektantrag eingereicht. Wir sind von unserem Antrag überzeugt und treffen bereits Vorbereitungen, um im erhofften Fall der Bewilligung möglichst schnell mit den konkreten Projekten starten zu können.

Welche Projektpartner sind beteiligt?

Wir haben das Netzwerk von Beginn an umfassend gedacht und insbesondere auch die Politik in die Konzeption des Projektvorhabens einbezogen, repräsentiert durch Ministerpräsidenten (Dr. Haseloff, MP ST), Fachminister (Schmidt SMR), Staatssekretäre (Dr. Lippold SMEKUL),  Landräte und Oberbürgermeister (Schenk Bitterfeld-Wolfen) wie auch Landesenergie- und Strukturentwicklungsagenturen.

In unserem Bündnis sind nun über 60 verschiedene Projektpartner organisiert, die sich in die verschiedene Bereiche gliedern. Dazu zählen neben Leipziger Forschungseinrichtungen beispielsweise Stadtwerke, Energie-Infrastrukturanbieter und Planungsbüros, aber auch die relevanten Akteure der Verwaltung oder Industrieunternehmen als potentielle Lieferanten von industrieller Abwärme.

Und wir sind weiterhin offen gegenüber neuen Projektpartnern mit deren Technologien, Abwärmepotentialen, politischem Gestaltungswillen, Ideen und Anregungen. Über das entstehende Bündnis wollen wir die verschiedenen Akteure miteinander vernetzen und zukunftsfähige Lösungen im Wärmemarkt umsetzen.

Technische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Herausforderungen sind sicherlich vorprogrammiert.

Ja, es sind Hemmnisse verschiedenster Ebenen zu meistern, welche unser Projektpartner TILIA erst zu Beginn dieses Jahres in einer großen Fallstudie der Europäischen Kommission zur Fernwärme veröffentlicht hat. Viele der darin identifizierten Erfolgsfaktoren treffen auch auf unsere WIR!-Region zu und lassen sich gut mit einem anwendungsorientierten Forschungsprojekt adressieren. Diese Herausforderungen gilt es zu lösen und stehen deshalb im Mittelpunkt des Projektes.

Am 28. April 2021 fand in Bitterfeld-Wolfen der „Regional-Workshop Wärmewende“ statt. Einer der Teilnehmer war Dr. Reiner Haseloff, Sachsen-Anhalts Ministerpräsident. Rückblickend betrachtet: wie erfolgreich war die vorwiegend virtuelle Veranstaltung?

Die Corona-Pandemie ließ unseren Workshop zu dieser Zeit leider nur als virtuelle Veranstaltung zu. Positiv war, dass sehr viele Teilnehmer:innen partizipiert haben ohne anreisen zu müssen. Jedoch fehlten vielen Gästen das Kennenlernen und der bilaterale Austausch einer realen Konferenz. Im Nachgang der Veranstaltung haben wir in vielen kleineren Gruppen- und Hintergrundgesprächen verschiedene Akteure an einen virtuellen Tisch geholt und konkrete Projektansätze dann auch im Detail besprochen.

Gibt es in den nächsten Wochen beziehungsweise Monaten weitere Highlights oder Veranstaltungen im Rahmen des Projektes?

Nachdem die geförderte Konzeptionsphase zum 31. Mai 2021 ausgelaufen ist, bereiten wir uns zunächst intern auf die nichtöffentlichen Auswahlgespräche des Projektträgers und den Aufbau einer geeigneten Bündnisorganisation vor.

Gerne hätten wir uns mit einem eigenen Workshop bereits während des Konzeptionsprojekts auf den Erfurter Energiespeichertagen EAST präsentiert.

Da wir Wärmespeicherung als eine zentrale Energiespeichertechnologie begreifen, schauen wir nun bereits erwartungsvoll auf den Restart dieses Formats.

Was würden Sie Projektinteressierten gern mitteilen? Gibt es Beteiligungsmöglichkeiten für lokale Akteure in der Region?

Kerninnovation des Vorhabens werden die Systemsteuerungen und neue Planungskonzepte für das multivalente Zusammenwirken regional relevanter Wärmeversorgungstechnologien in Abhängigkeit von Wärmebedarfen und wirtschaftlicher Quellenverfügbarkeit sein. Dafür möchten wir unser Bündnis breit aufstellen und dabei sowohl neue Technologien und als auch weitere Standorte untersuchen und in unsere integrierte Energiesystemmodellierung einpflegen. Damit wollen wir die Übertragbarkeit des Konzepts auf verschiedene Konstellationen sicherstellen und Lösungen entwickeln, die sich wirtschaftlicher, nachhaltiger beziehungsweise mit größerer Versorgungssicherheit realisieren und langfristig betreiben lassen. Uns sind besonders solche Standorte willkommen, an denen bereits heute lokale Akteure „an einem Strang“ ziehen und an der Umsetzung der Wärmewende interessiert sind.

Lokale Akteure können gern mit konkreten Projektideen beziehungsweise Untersuchungsanliegen auf uns zukommen, wobei wir stets die Gesamtvision aus größtmöglicher CO2-Einsparung bei gegebener Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit im Blick behalten. Je größer die Treibhausgaseinsparungen und realistischer in der Umsetzung, desto schneller sollten wir das Projekt gemeinsam zur Umsetzungsreife bringen.

Beantworten Sie bitte abschließend die Frage, wie ein gelungener Abschluss des Projektes Ihrer Meinung aussehen würde?  

Wir möchten eine Modellregion für innovative klimaneutrale Wärmeversorgung werden und gleichermaßen unsere lokale Wertschöpfung durch neue Geschäftsmodelle steigern. Bis zum Projektlaufzeitende 2027 wollen wir so einen wichtigen Beitrag dazu leisten, damit in der Region Bitterfeld-Leipzig-Borna auch in der Wärmeversorgung Klimaemissionen durch Umstellung auf erneuerbare Energien beziehungsweise Nutzung der Abwärmepotentiale nennenswert eingespart werden. Wenn uns dies gelingt, wird das auch für die beteiligten Unternehmen erhebliche wirtschaftliche Impulse auslösen und das entstandene Innovationsbündnis fortbestehen.